Maximum-Likelihood-Schätzer

Maximum-Likelihood-Schätzer

Studium
θ^=arg⁡max⁡θL(θ),L(θ)=∏i=1nf(xi;θ)\hat{\theta} = \arg\max_{\theta} L(\theta), \quad L(\theta) = \prod_{i=1}^{n} f(x_i; \theta)

Voraussetzung: x1,…,xnx_1, \ldots, x_n Realisierungen unabhängiger, identisch verteilter Xi,X_i, Maximum existiert

θ^\hat{\theta}
Maximum-Likelihood-Schätzwert für den Parameter
θ\theta
unbekannter Parameter der Verteilung (auch mehrere Parameter)
L(θ)L(\theta)
Likelihood-Funktion, Plausibilität des Parameters bei gegebenen Daten
f(xi;θ)f(x_i; \theta)
Wahrscheinlichkeitsfunktion (diskret) oder Dichte (stetig) am Datenpunkt x_i
xix_i
beobachtete Werte der Stichprobe
nn
Stichprobenumfang

Der Maximum-Likelihood-Schätzer wählt den Parameterwert, unter dem die beobachteten Daten am wahrscheinlichsten sind.

Erklärung

Gegeben sind Daten x1,…,xnx_1, \ldots, x_n und ein Verteilungsmodell mit unbekanntem Parameter θ\theta. Die Likelihood-Funktion L(θ)L(\theta) gibt an, wie wahrscheinlich (bzw. bei stetigen Verteilungen: wie dicht) die beobachteten Daten unter dem Parameter θ\theta sind. Der Maximum-Likelihood-Schätzer ist der Parameter, der LL maximiert.

Vorgehen in der Praxis:

  1. L(θ)L(\theta) als Produkt der Einzelwahrscheinlichkeiten bzw. Dichten aufstellen.
  2. Logarithmieren: ℓ(θ)=ln⁡L(θ)=∑i=1nln⁡f(xi;θ)\ell(\theta) = \ln L(\theta) = \sum_{i=1}^{n} \ln f(x_i; \theta). Da ln⁡\ln streng monoton wächst, hat ℓ\ell dasselbe Maximum, und aus dem Produkt wird eine Summe.
  3. Ableiten und null setzen: ℓ′(θ)=0\ell'(\theta) = 0 (Likelihood-Gleichung).
  4. Prüfen, dass wirklich ein Maximum vorliegt (zweite Ableitung oder Randverhalten).

Wichtige Ergebnisse:

  • Bernoulli bzw. Binomial: p^=kn\hat{p} = \frac{k}{n} (relative Trefferhäufigkeit)
  • Poisson: λ^=xˉ\hat{\lambda} = \bar{x}
  • Exponentialverteilung: λ^=1xˉ\hat{\lambda} = \frac{1}{\bar{x}}
  • Normalverteilung: μ^=xˉ\hat{\mu} = \bar{x}, σ^2=1n∑i=1n(xi−xˉ)2\hat{\sigma}^2 = \frac{1}{n} \sum_{i=1}^{n} (x_i - \bar{x})^2

ML-Schätzer sind unter milden Voraussetzungen konsistent und asymptotisch normalverteilt, aber nicht immer erwartungstreu.

Beispiele

In n=20n = 20 Versuchen gibt es k=7k = 7 Treffer. Die Log-Likelihood ist ℓ(p)=7ln⁡p+13ln⁡(1−p)\ell(p) = 7 \ln p + 13 \ln(1 - p), also

ℓ′(p)=7p−131−p=0⇒p^=720=0,35\ell'(p) = \frac{7}{p} - \frac{13}{1 - p} = 0 \quad \Rightarrow \quad \hat{p} = \frac{7}{20} = 0{,}35

Probe: 70,35−130,65=20−20=0\frac{7}{0{,}35} - \frac{13}{0{,}65} = 20 - 20 = 0.

Drei Bauteile halten 22, 55 und 88 Jahre, angenommen wird eine Exponentialverteilung. Dann ist ℓ(λ)=3ln⁡λ−λ⋅(2+5+8)\ell(\lambda) = 3 \ln \lambda - \lambda \cdot (2 + 5 + 8) und

ℓ′(λ)=3λ−15=0⇒λ^=15=0,2\ell'(\lambda) = \frac{3}{\lambda} - 15 = 0 \quad \Rightarrow \quad \hat{\lambda} = \frac{1}{5} = 0{,}2

Unter Normalverteilungsannahme ergäben dieselben Daten μ^=5\hat{\mu} = 5 und σ^2=9+0+93=6\hat{\sigma}^2 = \frac{9 + 0 + 9}{3} = 6, während die korrigierte Stichprobenvarianz 182=9\frac{18}{2} = 9 ist.

Typische Fehler

  • Die Likelihood als Wahrscheinlichkeit für θ\theta lesen. L(θ)L(\theta) ist eine Funktion des Parameters, aber keine Verteilung über θ\theta.
  • Nach dem Logarithmieren Produkte falsch in Summen umwandeln, z.B. ln⁡(λe−λx)=ln⁡λ−λx\ln(\lambda e^{-\lambda x}) = \ln \lambda - \lambda x, nicht ln⁡λ⋅(−λx)\ln \lambda \cdot (-\lambda x).
  • Annehmen, der ML-Schätzer sei immer erwartungstreu. σ^2\hat{\sigma}^2 mit Nenner nn unterschätzt σ2\sigma^2 im Mittel.
  • Die Nullstelle der Ableitung ungeprüft übernehmen. Liegt das Maximum am Rand (z.B. k=0k = 0), hat ℓ′\ell' keine Nullstelle im Inneren.

Verwandte Formeln