Lösbarkeit linearer Gleichungssysteme

Lösbarkeit linearer Gleichungssysteme

Studium
Ax⃗=b⃗ lo¨sbar  ⟺  rg⁡(A)=rg⁡(A∣b⃗)A\vec x = \vec b \text{ lösbar} \iff \operatorname{rg}(A) = \operatorname{rg}(A \mid \vec b)

Voraussetzung: A∈Rm×n,A \in \mathbb{R}^{m \times n}, b⃗∈Rm\vec b \in \mathbb{R}^{m}

AA
Koeffizientenmatrix mit m Gleichungen und n Unbekannten
b⃗\vec b
rechte Seite
x⃗\vec x
Vektor der n Unbekannten
(A∣b⃗)(A \mid \vec b)
erweiterte Koeffizientenmatrix
rg⁡\operatorname{rg}
Rang einer Matrix

Ein lineares Gleichungssystem ist genau dann lösbar, wenn die erweiterte Matrix denselben Rang hat wie die Koeffizientenmatrix.

Erklärung

Der Satz von Kronecker-Capelli (Rangkriterium) entscheidet, ob Ax⃗=b⃗A\vec x = \vec b eine Lösung hat: genau dann, wenn das Anhängen der Spalte b⃗\vec b den Rang nicht erhöht. Anders gesagt: b⃗\vec b muss im Spaltenraum von AA liegen, also eine Linearkombination der Spalten sein.

Mit r=rg⁡(A)r = \operatorname{rg}(A) und nn Unbekannten gilt:

FallLösungsmenge
rg⁡(A∣b⃗)>r\operatorname{rg}(A \mid \vec b) > rleer, keine Lösung
rg⁡(A∣b⃗)=r=n\operatorname{rg}(A \mid \vec b) = r = ngenau eine Lösung
rg⁡(A∣b⃗)=r<n\operatorname{rg}(A \mid \vec b) = r < nunendlich viele Lösungen, n−rn - r freie Parameter

Struktur der Lösungsmenge: Ist x⃗p\vec x_p irgendeine Lösung (eine partikuläre Lösung), dann sind alle Lösungen

x⃗=x⃗p+x⃗h,x⃗h∈Kern⁡A.\vec x = \vec x_p + \vec x_h, \qquad \vec x_h \in \operatorname{Kern} A.

Die Lösungsmenge ist also eine verschobene Kopie des Kerns, ein affiner Raum der Dimension n−rn - r. Das homogene System Ax⃗=0⃗A\vec x = \vec 0 ist immer lösbar (mit x⃗=0⃗\vec x = \vec 0).

Für quadratisches AA gilt: det⁡A≠0\det A \neq 0   ⟺  \iff für jedes b⃗\vec b genau eine Lösung.

In der Praxis bringt man (A∣b⃗)(A \mid \vec b) mit dem Gauß-Algorithmus auf Stufenform. Eine Zeile (0 ⋯ 0∣c)(0 \ \cdots \ 0 \mid c) mit c≠0c \neq 0 bedeutet rg⁡(A∣b⃗)>rg⁡(A)\operatorname{rg}(A \mid \vec b) > \operatorname{rg}(A).

Beispiele

(A∣b⃗)=(121224023614)  ⟶  (121200−2−20000)(A \mid \vec b) = \left(\begin{array}{ccc|c} 1 & 2 & 1 & 2 \\ 2 & 4 & 0 & 2 \\ 3 & 6 & 1 & 4 \end{array}\right) \;\longrightarrow\; \left(\begin{array}{ccc|c} 1 & 2 & 1 & 2 \\ 0 & 0 & -2 & -2 \\ 0 & 0 & 0 & 0 \end{array}\right)

Beide Ränge sind 22, das System ist lösbar mit 3−2=13 - 2 = 1 freiem Parameter. Aus −2x3=−2-2x_3 = -2 folgt x3=1x_3 = 1, aus der ersten Zeile x1+2x2=1x_1 + 2x_2 = 1. Mit x2=tx_2 = t ist die Lösungsmenge {(1−2t, t, 1):t∈R}\{(1 - 2t,\ t,\ 1) : t \in \mathbb{R}\}, also x⃗p=(1, 0, 1)\vec x_p = (1,\ 0,\ 1) plus Vielfache des Kernvektors (−2, 1, 0)(-2,\ 1,\ 0).

Mit b⃗=(2, 2, 5)\vec b = (2,\ 2,\ 5) entsteht in der letzten Zeile (0  0  0∣1)(0 \ \ 0 \ \ 0 \mid 1). Dann ist rg⁡(A∣b⃗)=3>2=rg⁡(A)\operatorname{rg}(A \mid \vec b) = 3 > 2 = \operatorname{rg}(A), das System hat keine Lösung.

Das System x+y=5x + y = 5, x−y=1x - y = 1 hat det⁡(111−1)=−2≠0\det \begin{pmatrix} 1 & 1 \\ 1 & -1 \end{pmatrix} = -2 \neq 0, also rg⁡(A)=2=n\operatorname{rg}(A) = 2 = n und genau eine Lösung: (3, 2)(3,\ 2).

Typische Fehler

  • Nur den Rang von AA bestimmen und die rechte Seite ignorieren. Erst der Vergleich mit rg⁡(A∣b⃗)\operatorname{rg}(A \mid \vec b) entscheidet über die Lösbarkeit.
  • Die Zahl der freien Parameter als m−rm - r (Gleichungen minus Rang) statt n−rn - r (Unbekannte minus Rang) berechnen.
  • Aus „mehr Unbekannte als Gleichungen" auf unendlich viele Lösungen schließen. Das System kann trotzdem widersprüchlich sein, z.B. x+y+z=1x + y + z = 1, x+y+z=2x + y + z = 2.

Verwandte Formeln