Lineare DGL 2. Ordnung: komplexe Lösungen

Lineare DGL 2. Ordnung: komplexe Lösungen

Studium
y(x)=eαx(C1cos⁡(ωx)+C2sin⁡(ωx))y(x) = e^{\alpha x} \bigl( C_1 \cos(\omega x) + C_2 \sin(\omega x) \bigr)

Voraussetzung: y′′+a y′+b y=0,y'' + a\,y' + b\,y = 0, a2<4b,a^2 < 4b, α=−a2,\alpha = -\tfrac{a}{2}, ω=b−a24\omega = \sqrt{b - \tfrac{a^2}{4}}

y(x)y(x)
allgemeine reelle Lösung der homogenen Gleichung
α\alpha
Realteil der Lösungen λ = α ± iω der charakteristischen Gleichung
ω\omega
Imaginärteil (positiv), bestimmt die Kreisfrequenz der Schwingung
C1,C2C_1, C_2
reelle Konstanten, bestimmt durch zwei Anfangs- oder Randbedingungen
xx
unabhängige Variable

Hat die charakteristische Gleichung komplexe Lösungen α ± iω, schwingt die Lösung mit ω und der Hüllkurve e^(αx).

Erklärung

Betrachtet wird y′′+a y′+b y=0y'' + a\,y' + b\,y = 0 mit konstanten reellen aa, bb. Ist a2<4ba^2 < 4b, hat die charakteristische Gleichung die konjugiert komplexen Lösungen

λ1,2=α±i ω,α=−a2,ω=b−a24>0\lambda_{1,2} = \alpha \pm i\,\omega, \qquad \alpha = -\frac{a}{2}, \quad \omega = \sqrt{b - \frac{a^2}{4}} > 0

Die komplexen Lösungen e(α±iω)xe^{(\alpha \pm i\omega)x} lassen sich mit der Eulerschen Formel zerlegen: e(α+iω)x=eαx(cos⁡(ωx)+isin⁡(ωx))e^{(\alpha + i\omega)x} = e^{\alpha x}\bigl(\cos(\omega x) + i\sin(\omega x)\bigr). Real- und Imaginärteil sind jeweils reelle Lösungen, nämlich eαxcos⁡(ωx)e^{\alpha x}\cos(\omega x) und eαxsin⁡(ωx)e^{\alpha x}\sin(\omega x). Daraus setzt sich die allgemeine reelle Lösung zusammen.

Die Lösung ist eine Schwingung mit der Kreisfrequenz ω\omega, deren Amplitude sich wie eαxe^{\alpha x} verhält:

  • α<0\alpha < 0: gedämpfte Schwingung, die abklingt.
  • α=0\alpha = 0: ungedämpfte Schwingung mit konstanter Amplitude.
  • α>0\alpha > 0: aufschaukelnde Schwingung.

Die Anfangswerte ergeben C1=y(0)C_1 = y(0) und αC1+ωC2=y′(0)\alpha C_1 + \omega C_2 = y'(0).

Beispiele

y′′+2y′+5y=0y'' + 2y' + 5y = 0 mit y(0)=1y(0) = 1, y′(0)=1y'(0) = 1. Aus λ2+2λ+5=0\lambda^2 + 2\lambda + 5 = 0 folgt

λ1,2=−2±4−202=−1±2i\lambda_{1,2} = \frac{-2 \pm \sqrt{4 - 20}}{2} = -1 \pm 2i

also α=−1\alpha = -1, ω=2\omega = 2 und y=e−x(C1cos⁡(2x)+C2sin⁡(2x))y = e^{-x}\bigl(C_1 \cos(2x) + C_2 \sin(2x)\bigr). Aus C1=1C_1 = 1 und −C1+2C2=1-C_1 + 2C_2 = 1 folgt C2=1C_2 = 1:

y=e−x(cos⁡(2x)+sin⁡(2x))y = e^{-x} \bigl( \cos(2x) + \sin(2x) \bigr)

y′′+9y=0y'' + 9y = 0 führt auf λ2+9=0\lambda^2 + 9 = 0, also λ=±3i\lambda = \pm 3i mit α=0\alpha = 0:

y=C1cos⁡(3x)+C2sin⁡(3x)y = C_1 \cos(3x) + C_2 \sin(3x)

Das ist eine ungedämpfte Schwingung mit der Periode 2π3\frac{2\pi}{3}.

Typische Fehler

  • ω\omega mit Vorzeichen oder aus der falschen Wurzel bilden: ω=b−a24\omega = \sqrt{b - \frac{a^2}{4}}, nicht a24−b\sqrt{\frac{a^2}{4} - b}.
  • Die komplexe Lösung C e(α+iω)xC\,e^{(\alpha + i\omega)x} als Endergebnis stehen lassen, obwohl eine reelle Lösung gesucht ist.
  • Den Faktor eαxe^{\alpha x} nur vor den Kosinus schreiben: Er gehört vor die ganze Klammer.
  • Bei y′(0)y'(0) den Anteil von eαxe^{\alpha x} vergessen: y′(0)=αC1+ωC2y'(0) = \alpha C_1 + \omega C_2, nicht nur ωC2\omega C_2.

Verwandte Formeln