Implizites Euler-Verfahren

Implizites Euler-Verfahren

Studium
yn+1=yn+h⋅f(tn+1,yn+1),tn+1=tn+hy_{n+1} = y_n + h \cdot f(t_{n+1}, y_{n+1}), \qquad t_{n+1} = t_n + h

Voraussetzung: y′=f(t,y),y' = f(t, y), y(t0)=y0,y(t_0) = y_0, h>0h > 0 (Schrittgleichung eindeutig lösbar, z.B. bei hL<1hL < 1 mit Lipschitz-Konstante LL)

yny_n
Näherung für die Lösung y(t_n)
tnt_n
n-ter Zeitpunkt, t_n = t_0 + n · h
hh
Schrittweite
f(t,y)f(t, y)
rechte Seite der Differentialgleichung y′ = f(t, y)

Das implizite Euler-Verfahren nimmt die Steigung am neuen Punkt; dafür muss man in jedem Schritt eine Gleichung lösen.

Erklärung

Das implizite Euler-Verfahren (auch Rückwärts-Euler) löst Anfangswertprobleme y′=f(t,y)y' = f(t, y) schrittweise wie das explizite Euler-Verfahren. Die Steigung wird aber am neuen Punkt (tn+1,yn+1)(t_{n+1}, y_{n+1}) ausgewertet. Da yn+1y_{n+1} auf beiden Seiten steht, muss man in jedem Schritt eine Gleichung lösen. Bei nichtlinearem ff geschieht das meist mit dem Newton-Verfahren, Startwert ist yny_n.

Eigenschaften:

  • Konvergenzordnung 1, wie beim expliziten Euler-Verfahren.
  • A-stabil: Für y′=λyy' = \lambda y mit λ<0\lambda < 0 ist yn+1=yn1−hλy_{n+1} = \frac{y_n}{1 - h\lambda}. Der Faktor liegt für jede Schrittweite zwischen 00 und 11. Die Näherung klingt also immer ab, wie die echte Lösung.
  • Pro Schritt teurer als explizite Verfahren, weil eine Gleichung gelöst werden muss.

Diese Stabilität macht das Verfahren wertvoll für steife Differentialgleichungen. Das sind Gleichungen, in denen sehr schnell und sehr langsam abklingende Anteile zusammenkommen, etwa in der chemischen Kinetik oder bei elektrischen Schaltungen. Explizite Verfahren brauchen dort winzige Schritte, nur um stabil zu bleiben.

Beispiele

y′=−2yy' = -2y, y(0)=1y(0) = 1, exakte Lösung e−2te^{-2t}. Jeder Schritt teilt durch 1+2h1 + 2h. Mit h=1,5h = 1{,}5 ist der Faktor 14\frac{1}{4}, die Näherung fällt monoton: 1; 0,25; 0,0625; …1;\ 0{,}25;\ 0{,}0625;\ \ldots Das explizite Verfahren springt bei dieser Schrittweite zwischen wachsenden positiven und negativen Werten.

Mit h=0,1h = 0{,}1 ist y1=11,2≈0,8333y_1 = \frac{1}{1{,}2} \approx 0{,}8333, nach zehn Schritten y10=1,2−10≈0,1615y_{10} = 1{,}2^{-10} \approx 0{,}1615. Exakt ist e−2≈0,1353e^{-2} \approx 0{,}1353. Der Fehler ist ähnlich groß wie beim expliziten Verfahren, nur mit anderem Vorzeichen.

y′=−y2y' = -y^2, y(0)=1y(0) = 1, ein Schritt mit h=0,5h = 0{,}5. Die Schrittgleichung lautet

y1=1−0,5 y12⇔y12+2y1−2=0y_1 = 1 - 0{,}5\,y_1^2 \quad\Leftrightarrow\quad y_1^2 + 2y_1 - 2 = 0

Die positive Lösung ist y1=3−1≈0,7321y_1 = \sqrt{3} - 1 \approx 0{,}7321. Exakt ist y(0,5)=11,5≈0,6667y(0{,}5) = \frac{1}{1{,}5} \approx 0{,}6667; das explizite Verfahren liefert 1−0,5=0,51 - 0{,}5 = 0{,}5.

Typische Fehler

  • Die Steigung am alten Punkt auswerten. Das ist das explizite Euler-Verfahren.
  • Bei nichtlinearen Gleichungen die falsche Lösung der Schrittgleichung wählen. Gesucht ist die Lösung nahe yny_n.
  • Stabilität mit Genauigkeit verwechseln: Auch das implizite Verfahren hat nur Ordnung 1. Große Schritte bleiben stabil, sind aber ungenau.
  • Bei tt-abhängigem ff den alten Zeitpunkt tnt_n statt tn+1t_{n+1} einsetzen.

Verwandte Formeln