Vollständige Induktion

Vollständige Induktion

Studium
(A(n0)∧∀n≥n0:A(n)⇒A(n+1))  ⇒  ∀n≥n0:A(n)\bigl(A(n_0) \wedge \forall n \geq n_0 : A(n) \Rightarrow A(n+1)\bigr) \;\Rightarrow\; \forall n \geq n_0 : A(n)

Voraussetzung: n,n0∈Z,n, n_0 \in \mathbb{Z}, A(n)A(n) Aussage für jedes ganze n≥n0n \geq n_0

A(n)A(n)
Aussage, die von der ganzen Zahl n abhängt
n0n_0
Startwert, ab dem die Aussage gelten soll (meist 0 oder 1)
A(n0)A(n_0)
Induktionsanfang, die Aussage für den Startwert
A(n)⇒A(n+1)A(n) \Rightarrow A(n+1)
Induktionsschritt, aus der Gültigkeit für n folgt die für n+1

Gilt eine Aussage für einen Startwert und folgt sie stets von n auf n+1, dann gilt sie für alle n ab dem Startwert.

Erklärung

Die vollständige Induktion ist ein Beweisverfahren für Aussagen, die für alle ganzen Zahlen ab einem Startwert n0n_0 gelten sollen. Man zeigt zwei Dinge:

  1. Induktionsanfang: A(n0)A(n_0) ist wahr.
  2. Induktionsschritt: Für jedes n≥n0n \geq n_0 folgt aus A(n)A(n) (der Induktionsvoraussetzung) die Aussage A(n+1)A(n+1).

Dann gilt A(n)A(n) für alle n≥n0n \geq n_0: Der Anfang liefert A(n0)A(n_0), der Schritt liefert daraus A(n0+1)A(n_0 + 1), daraus A(n0+2)A(n_0 + 2) und so weiter. Begründet wird das durch das Induktionsaxiom der natürlichen Zahlen, gleichwertig durch die Wohlordnung: Jede nichtleere Menge natürlicher Zahlen hat ein kleinstes Element, also kann es kein kleinstes Gegenbeispiel geben.

Eine Variante ist die starke Induktion: Im Schritt darf man A(n0),…,A(n)A(n_0), \ldots, A(n) gleichzeitig voraussetzen. Das braucht man etwa bei Rekursionen, die auf zwei Vorgänger zurückgreifen.

Beispiele

Summe der ungeraden Zahlen: Behauptung 1+3+…+(2n−1)=n21 + 3 + \ldots + (2n-1) = n^2 für n≥1n \geq 1.

  • Anfang n=1n = 1: links steht 11, rechts 12=11^2 = 1.
  • Schritt: Gilt die Formel für nn, so ist
1+3+…+(2n−1)+(2(n+1)−1)=n2+2n+1=(n+1)21 + 3 + \ldots + (2n-1) + (2(n+1) - 1) = n^2 + 2n + 1 = (n+1)^2

Probe für n=5n = 5: 1+3+5+7+9=25=521 + 3 + 5 + 7 + 9 = 25 = 5^2.

Teilbarkeit: Behauptung 3∣n3−n3 \mid n^3 - n für alle n≥1n \geq 1.

  • Anfang n=1n = 1: 1−1=01 - 1 = 0 ist durch 33 teilbar.
  • Schritt: (n+1)3−(n+1)=(n3−n)+3(n2+n)(n+1)^3 - (n+1) = (n^3 - n) + 3(n^2 + n). Der erste Summand ist nach Voraussetzung durch 33 teilbar, der zweite offensichtlich.

Probe: 23−2=62^3 - 2 = 6 und 43−4=604^3 - 4 = 60 sind durch 33 teilbar.

Typische Fehler

  • Induktionsanfang weglassen. Für die falsche Aussage „2n+12n + 1 ist gerade“ funktioniert der Schritt: Ist 2n+12n + 1 gerade, dann auch 2n+3=(2n+1)+22n + 3 = (2n+1) + 2. Ohne gültigen Anfang beweist das nichts.
  • A(n+1)A(n+1) im Schritt schon benutzen. Man muss von der Induktionsvoraussetzung A(n)A(n) ausgehen und A(n+1)A(n+1) herleiten, nicht die Behauptung umformen, bis etwas Wahres dasteht.
  • Schritt nur für ein festes nn zeigen. Der Schritt muss für jedes n≥n0n \geq n_0 gelten. Bei Aussagen mit zwei Vorgängern (starke Induktion) braucht man entsprechend zwei Startwerte.
  • Falscher Startwert. 2n>n22^n > n^2 ist für n=2,3,4n = 2, 3, 4 falsch (z.B. 24=16=422^4 = 16 = 4^2) und gilt dann wieder ab n=5n = 5, denn 25=32>252^5 = 32 > 25. Der Induktionsbeweis muss deshalb mit n0=5n_0 = 5 beginnen; der Schritt 2n+1=2⋅2n>2n2≥(n+1)22^{n+1} = 2 \cdot 2^n > 2n^2 \geq (n+1)^2 funktioniert auch erst ab n≥3n \geq 3.

Verwandte Formeln